Uni-Tutorin gibt Nachhilfe

Stimmungsbild zu „Uni-Tutorin gibt Nachhilfe"

Ich gebe seit dem dritten Semester Nachhilfe. Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, das ganze Zeug, an dem im ersten Jahr die halbe Fakultät verzweifelt. Zehn Euro die Stunde, angeschlagen am schwarzen Brett, und meistens sitzen mir nervöse Erstis gegenüber, die eine Woche vor der Klausur merken, dass sie nichts verstanden haben. Ich bin Mira, dreiundzwanzig, im Master, und ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet eine Nachhilfe-Sitzung die heißeste Nacht meines Studiums werden würde.

Als Studentin Nachhilfe zu geben heißt normalerweise: viel Geduld, wenig Aufregung. Bei Jonas war das von der ersten Minute an anders.

Die erste Sitzung

Er hatte mir geschrieben, kurz, höflich, ein bisschen verzweifelt. Zweitsemester, BWL, Statistik-Klausur in zwei Wochen, und er kapiere „ehrlich gar nichts”. Wir machten einen Termin in der Bib aus, oben, in einem der Gruppenräume mit Glaswand und einem Tisch, der zu klein für zwei Laptops war.

Jonas war einundzwanzig, groß, mit diesen Unterarmen, die ein zu enges T-Shirt spannten, und einer Art, sich durch die Haare zu fahren, wenn er nicht weiterwusste, die ich nach zwanzig Minuten nicht mehr übersehen konnte. Er roch nach Kaffee und einem Deo, das ich mochte. Und er war wirklich hoffnungslos.

„Okay”, sagte ich und drehte mein Blatt zu ihm. „Nochmal von vorne. Erwartungswert ist einfach der Durchschnitt, den du langfristig erwartest. Wenn du hundertmal würfelst —”

„Ich versteh das mit den Formeln nicht”, sagte er und sah mich an, nicht das Blatt. „Kannst du das nicht irgendwie … anschaulicher machen?”

Ich musste lachen. „Anschaulicher als Würfeln geht kaum.”

„Du erklärst es gut”, sagte er. „Ehrlich. Ich hör nur zur Hälfte zu, weil ich die ganze Zeit denke, dass du viel zu hübsch bist, um Statistik zu erklären.”

Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg. Normalerweise hätte ich so einen Spruch abmoderiert. Aber die Art, wie er es sagte — nicht plump, eher als würde es ihm rausrutschen —, machte etwas mit mir. „Konzentrier dich”, sagte ich, aber es klang nicht so streng, wie ich wollte.

Wir arbeiteten eine Stunde. Und die ganze Stunde saß da dieses Kribbeln zwischen uns, unübersehbar, jedes Mal, wenn sich unsere Hände über demselben Blatt trafen, jedes Mal, wenn er sich vorbeugte und ich seinen Nacken riechen konnte.

Zwei Wochen Anspannung

Wir trafen uns danach fast täglich. Immer in der Bib, immer im selben Glasraum, und jede Sitzung war eine kleine Übung in Selbstbeherrschung. Ich merkte, wie ich anfing, mich für die Bib anzuziehen. Enger. Ausschnitt eine Spur tiefer, weil ich wusste, dass er hinsah, und weil ich es genoss, dass er hinsah und sich zwang, wegzuschauen.

Er wurde tatsächlich besser in Statistik. Und gleichzeitig wurden die Sitzungen unmöglicher. Einmal legte ich beim Erklären meine Hand auf seine, um seinen Stift zu führen, und wir hielten beide inne, keiner zog zurück, und die Sekunde dehnte sich, bis draußen jemand vorbeiging und der Moment zerplatzte.

„Sorry”, murmelte er.

„Ist okay”, sagte ich, und mein Puls raste.

An einem anderen Nachmittag saßen wir so eng nebeneinander, dass sich unsere Oberschenkel unter dem Tisch berührten, und keiner rückte weg. Ich erklärte die Normalverteilung, zeichnete die Glockenkurve, redete und redete — und die ganze Zeit spürte ich nur die Wärme seines Beins an meinem und wie mein eigener Atem flacher wurde. „Verstehst du das?”, fragte ich am Ende, und er sah mich an und sagte ehrlich: „Kein Wort. Ich hab die ganze Zeit an was anderes gedacht.” Ich hätte ihn zurechtweisen sollen. Stattdessen musste ich lächeln und schaute schnell wieder auf mein Blatt, damit er nicht sah, wie mir das gefiel.

Wir sprachen nie offen darüber. Aber es war da, mit jedem Termin dichter, wie Luft vor einem Gewitter. Ich ertappte mich abends im Bett, wie ich an seine Unterarme dachte, an die Vorstellung, wie er mich in diesem winzigen Glasraum an die Wand drücken würde. Meine Freundin fragte mich, warum ich für einen BWL-Zweitsemester plötzlich meine besten Sachen anzog, und ich log und sagte, das sei Zufall. Sie glaubte mir kein Wort. Ich wusste, dass es keine kluge Idee war, etwas mit einem Nachhilfe-Schüler anzufangen. Ich wollte es trotzdem, mehr mit jedem Tag, und irgendwann hörte ich auf, mir einzureden, dass es wieder vorbeigehen würde.

Die letzte Sitzung vor der Klausur

Am Abend vor der Klausur trafen wir uns spät. Die Bib war fast leer, draußen dunkel, in unserem Glasraum brannte nur die Schreibtischlampe, weil die Deckenbeleuchtung sich mit dem Sensor automatisch abgeschaltet hatte und keiner von uns aufstand, um zu winken.

„Wenn ich morgen durchfalle”, sagte Jonas und lehnte sich zurück, „war’s wenigstens die schönste Nachhilfe meines Lebens.”

„Du fällst nicht durch”, sagte ich. „Du kannst das inzwischen.”

Ich schob ihm noch eine alte Klausuraufgabe hin, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung, und sah zu, wie er sie rechnete — konzentriert, die Zunge zwischen den Zähnen, ein kleiner Strich Kaffee auf der Unterlippe. Er löste sie richtig. Vollständig, ohne Fehler, ohne dass ich helfen musste. „Siehst du”, sagte ich leise, „du brauchst mich gar nicht mehr.” Ich meinte es fachlich. Aber es kam anders heraus, und wir hörten es beide.

Er legte den Stift weg. „Doch”, sagte er. „Ich kann eine Sache immer noch nicht.” Er hielt meinen Blick fest, direkt, ohne Ausweichen. „Ich kann nicht mehr so tun, als würde ich wegen Statistik herkommen.”

Es wurde still. Ich hörte mein eigenes Blut. Ich hätte etwas Kluges sagen können, etwas, das die Sache in sichere Bahnen lenkte. Stattdessen sagte ich: „Ich auch nicht.”

Er stand auf, langsam, kam um den kleinen Tisch herum. Ich stand ebenfalls auf, weil ich nicht sitzen bleiben und zu ihm hochsehen wollte, und dann standen wir voreinander, viel zu nah, und ich spürte seinen Atem an meiner Schläfe.

„Die Glaswand”, flüsterte ich.

„Die Rollos”, sagte er und zog sie mit einem Griff herunter, ohne mich aus den Augen zu lassen.

Dann küsste er mich. Erst vorsichtig, als wäre ich eine Formel, die er nicht verpatzen wollte — und dann, als ich seine Unterlippe zwischen meine nahm, gar nicht mehr vorsichtig. Er drückte mich rückwärts gegen die Tischkante, seine Hände in meinen Haaren, an meinem Rücken, überall. Ich zog ihn an mich, spürte, wie hart er schon war, und ein kleines, triumphierendes Stöhnen entkam mir gegen seinen Mund.

„Zwei Wochen”, murmelte er an meinem Hals, während seine Lippen tiefer wanderten. „Zwei Wochen versuch ich, mich zu konzentrieren, und du sitzt da und beugst dich vor und —”

„Ich weiß”, sagte ich atemlos. „Ich hab’s mit Absicht gemacht.”

Er sah kurz auf, ungläubig, fast empört, und dann grinste er und schob mir das Oberteil über die Schultern. Seine Hände waren warm und ungeduldig, sein Mund fand meine Brust durch den dünnen BH, und ich krallte mich in seinen Nacken und biss mir auf die Lippe, um in der stillen Bibliothek nicht zu laut zu werden.

Ich schob ihn ein Stück von mir weg, nur so weit, dass ich sein Shirt greifen und über den Kopf ziehen konnte. Dann waren wir beide halb ausgezogen im Lampenlicht, und ich setzte mich auf die Tischkante, zog ihn zwischen meine Beine.

„Hier?”, flüsterte er, mit einem letzten Rest Vernunft.

„Leise”, sagte ich, „und schnell.” Ich schob meinen Rock hoch, und die Art, wie sein Blick nach unten wanderte und dunkler wurde, ließ mich noch feuchter werden, als ich ohnehin schon war.

Seine Finger fanden mich, erst zaghaft, dann sicherer, als er merkte, wie bereit ich war. Ich musste die Hand vor den Mund pressen, als er die richtige Stelle traf, und er beobachtete jede Regung in meinem Gesicht, lernte in Minuten, was mich zum Zittern brachte, schneller, als er je eine Formel gelernt hatte. „So?”, flüsterte er, und ich nickte nur, weil ich keiner Stimme mehr traute.

Als ich es nicht mehr aushielt, zog ich ihn näher. Er kramte mit fahrigen Fingern nach dem Kondom in seinem Portemonnaie — „hab ich seit zwei Wochen dabei”, gestand er, halb verlegen, und ich lachte leise und atemlos —, und dann glitt er in mich, langsam, und wir stöhnten beide gleichzeitig auf und erstarrten, weil es so laut war in der Stille.

Danach bewegten wir uns kaum, nur kleine, tiefe Stöße, die Stirn an Stirn, seine Hand fest auf meinem Mund, meine Fingernägel in seinem Rücken. Ich sah ihm dabei in die Augen, und das war fast zu viel — dieser Junge, der zwei Wochen lang so getan hatte, als ginge es um Wahrscheinlichkeiten, und der mich jetzt auf dem Bib-Tisch nahm, als wäre nichts anderes je wichtig gewesen. Ich kam mit seiner Hand auf meinen Lippen, zitternd, den Schrei in seiner Handfläche erstickt, und er folgte mir Sekunden später, das Gesicht in meiner Halsbeuge vergraben.

Am Morgen der Klausur

Wir zogen uns hektisch und kichernd wieder an, räumten die Blätter zusammen, die vom Tisch gefallen waren, und schlichen an der Aufsicht vorbei nach draußen in die kalte Nachtluft. Er brachte mich zur Straßenbahn, hielt meine Hand, und keiner von uns fand die richtigen Worte für das, was gerade passiert war.

„Ich sollte jetzt eigentlich lernen”, sagte er.

„Du kannst das”, sagte ich und küsste ihn. „Ehrlich. Du bist besser, als du denkst.”

Am nächsten Nachmittag kam die Nachricht: Bestanden. 1,7. Beste Nachhilfe der Welt. Und darunter, nach einer Pause: Buchst du noch eine Sitzung? Ich hätte da ein Thema, das wir gestern nicht durchgenommen haben.

Ich lächelte auf mein Handy und tippte zurück: Nächster Termin steht. Diesmal bei mir. Und Statistik brauchst du nicht mitzubringen.

Manchmal ist die beste Nachhilfe die, bei der am Ende beide etwas gelernt haben.