Die Studentin von nebenan

Stimmungsbild zu „Die Studentin von nebenan"

Die Studentin von nebenan war für mich ein Jahr lang nur ein Geräusch. Der Schlüssel, der um kurz nach Mitternacht ins Schloss der Nachbartür fand. Musik, gedämpft durch die Wand, immer dieselben drei Alben. Das Klacken einer Tastatur, wenn ich schon im Bett lag und sie noch schrieb. Ich heiße Tom, ich bin dreiundzwanzig, im vorletzten Semester, und Mira wohnte im Zimmer neben mir in einer WG, in der man sich morgens im Bad in die Quere kam und ansonsten in Ruhe ließ.

Dass aus dieser Wand zwischen uns irgendwann kein Trennendes mehr wurde, sondern das Gegenteil, hätte ich in dem ganzen Jahr nicht für möglich gehalten.

Ein Jahr Wand

Mira war Anfang zwanzig, Biologie im vierten Semester, und sie hatte diese Art, durch den Flur zu gehen, die einen erst gar nicht auffallen lässt und dann nicht mehr loslässt. Dunkle Haare, meistens hochgebunden, eine Brille, die sie beim Lesen aufsetzte und sonst in die Haare schob. Sie lachte selten laut, aber wenn, dann so, dass man mitlachte, ohne den Witz gehört zu haben.

Wir waren keine Fremden und keine Freunde. Wir waren Nachbarn im ehrlichsten Sinn — zwei Leute, die sich das Bad, den Kühlschrank und eine dünne Wand teilten. Ich wusste, dass sie ihren Kaffee schwarz trank und ihn schon um sieben brauchte. Sie wusste, dass ich nachts arbeitete und morgens nicht ansprechbar war. Mehr nicht. Und trotzdem hörte ich, ehrlich gesagt, jedes Mal genauer hin, wenn ihr Schlüssel ins Schloss fand.

Was ich nicht wusste, war, dass sie genauso hinhörte. Das erzählte sie mir erst später.

Die Woche vor den Prüfungen

In der Woche vor den Klausuren stand die ganze WG unter Strom. Zwei Mitbewohner waren zu ihren Eltern gefahren, um in Ruhe zu lernen, und plötzlich waren Mira und ich allein in der Wohnung, jeder in seinem Zimmer, jeder über seinen Büchern, getrennt durch dieselbe Wand wie immer.

An einem Mittwochabend klopfte es. Nicht an der Wohnungstür — an meiner Zimmertür. Ich rief „Ja?”, und Mira steckte den Kopf herein, die Brille in die Haare geschoben, einen Becher in der Hand.

„Du bist doch der mit dem Statistik-Kram, oder?”, fragte sie. „Ich verzweifel gerade an Signifikanztests und meine Freundin geht nicht ans Handy.”

„Ich bin der mit dem Statistik-Kram”, sagte ich und schob meinen Stuhl zur Seite. „Setz dich.”

Sie kam herein, und es war das erste Mal, dass sie in meinem Zimmer stand. Sie sah sich um, wie man das tut, wenn ein vertrauter Nachbar plötzlich einen Innenraum bekommt — neugierig, ein bisschen überrascht. „So sieht es also bei dir aus”, sagte sie und setzte sich neben mich, dicht genug, dass ich ihr Shampoo roch.

Wir beugten uns über ihr Skript, und ich erklärte, und sie fragte klug nach, und irgendwann merkte ich, dass ich längst nicht mehr nur an p-Werte dachte. Ihr Knie war eine Handbreit von meinem entfernt. Wenn sie sich vorbeugte, um etwas zu markieren, fiel eine Strähne aus ihrem hochgebundenen Haar, und ich musste mich zusammenreißen, sie ihr nicht hinters Ohr zu streichen.

„Du erklärst gut”, sagte sie, als wir fertig waren, und sah mich dabei einen Moment zu lang an. „Ich hab dich ein Jahr lang nur durch die Wand gehört, weißt du das? Und jetzt frag ich mich, warum ich nicht früher geklopft hab.”

Ich lachte, ein bisschen zu schnell. „Die Wand ist verdammt dünn”, sagte ich. „Ich kenne deine drei Lieblingsalben mittlerweile besser als meine eigenen.”

Sie wurde rot, und es stand ihr. „Dann hast du auch gehört, dass ich manchmal mit mir selbst rede.”

„Ich dachte, das wäre Telefonieren.”

„Nein”, sagte sie und stand auf, den leeren Becher in der Hand. „Das war ich, allein.” An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Danke, Tom. Für die Statistik. Und für die dünne Wand.”

Dann war sie weg, und ich saß da und starrte auf mein aufgeschlagenes Buch, ohne ein Wort zu lesen.

Die Nacht, in der niemand mehr lernte

Zwei Tage später, es war spät, klopfte es wieder. Diesmal wusste ich sofort, dass sie es war — an der Art, wie sie klopfte, kurz und leise, als wollte sie mich nicht wecken, obwohl das Licht unter meiner Tür brannte.

„Ich kann nicht mehr”, sagte Mira, als ich öffnete. Sie stand im übergroßen T-Shirt und kurzen Shorts da, die Haare offen zum ersten Mal, und hielt zwei Bierflaschen hoch. „Ich hab drei Kapitel gelesen und keinen einzigen Satz behalten. Trinkst du eins mit? Ich brauch eine Pause vom Alleinsein mit meinem Kopf.”

Wir setzten uns auf den Boden meines Zimmers, mit dem Rücken an mein Bett gelehnt, Schulter an Schulter, weil das Zimmer klein war und weil keiner von uns Abstand suchte. Wir redeten über die Prüfungen, über die WG, darüber, wie seltsam es sei, jemanden ein Jahr lang zu hören und erst jetzt kennenzulernen.

„Weißt du, was das Schlimmste ist?”, sagte sie irgendwann und drehte den Kopf zu mir. Unsere Gesichter waren auf einmal sehr nah. „Ich hab dich nachts gehört. Wenn du telefoniert hast, spät, mit dieser tiefen Stimme. Und ich hab da gelegen und gedacht, der Typ von nebenan hat keine Ahnung, dass ich an der Wand liege und —”

Sie brach ab. Ich sah, wie sie schluckte.

„Und was?”, fragte ich leise.

„Und zuhöre”, sagte sie. „Nur zuhöre.”

Ich weiß nicht, wer sich zuerst bewegte. Ich glaube, wir beide gleichzeitig. Ihr Mund war weich und schmeckte nach Bier, und sie küsste, als hätte sie das die ganze Woche vorgehabt, mit einer Dringlichkeit, die mich überraschte und sofort mitriss. Ihre Hand fand meinen Nacken, meine legte sich in ihr offenes Haar, und der Kuss wurde tiefer, hungriger, bis wir beide außer Atem waren.

„Die Wand”, flüsterte sie an meinen Lippen, „ist immer noch verdammt dünn. Aber es ist ja keiner da.”

„Keiner”, bestätigte ich und zog sie zu mir aufs Bett.

Sie kam auf mich, setzte sich rittlings auf meinen Schoß, und ich fühlte durch den dünnen Stoff ihrer Shorts, wie warm sie war. Ich schob ihr das T-Shirt hoch, langsam, und sie hob die Arme, damit ich es ihr über den Kopf ziehen konnte. Darunter trug sie nichts. Ich hielt einen Moment inne, nur um sie anzusehen, und sie ließ es zu, mit einem halben Lächeln, das ich noch nie an ihr gesehen hatte.

„Du starrst”, sagte sie leise.

„Ich hab dich ein Jahr lang nur gehört”, sagte ich und legte meine Hände an ihre Hüften. „Lass mich.”

Ich küsste mich ihren Hals hinunter, über ihr Schlüsselbein, nahm eine Brustwarze in den Mund, und sie stöhnte auf, kurz, überrascht, und presste sich fester an mich. Ihre Hüften begannen sich zu bewegen, ganz von selbst, ein langsames Kreisen, das mich härter machte, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich schob meine Hand zwischen uns, unter den Bund ihrer Shorts, und als ich sie berührte, war sie so nass, dass sie den Atem anhielt.

„Nicht aufhören”, flüsterte sie an meinem Ohr. „Bitte nicht aufhören.”

Kein Abstand mehr

Ich streifte ihr die Shorts von den Hüften, und sie half mir, sie ganz loszuwerden, und dann kniete sie über mir, nackt, das offene Haar über den Schultern, und sah so wenig wie möglich nach der zurückhaltenden Nachbarin aus, die ich ein Jahr lang nur gehört hatte. Sie zog mir das T-Shirt aus, ließ ihre Hände über meine Brust wandern, tiefer, öffnete meine Hose mit einer Ungeduld, die mich lächeln ließ.

„Was ist so lustig?”, fragte sie.

„Nichts”, sagte ich. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass du so bist.”

„Du kennst mich seit einer Woche wirklich”, sagte sie und nahm mich in die Hand. „Und du kennst mich noch gar nicht richtig.”

Sie beugte sich vor, küsste mich, und ich spürte, wie sie sich über mir positionierte. „Warte”, sagte ich und angelte nach der Schublade des Nachttischs. Sie sah zu, wie ich das Kondom aufriss, sagte nichts, wartete — und dann, als ich bereit war, ließ sie sich langsam auf mich sinken, Zentimeter für Zentimeter, den Kopf in den Nacken gelegt, bis sie mich ganz aufgenommen hatte.

Wir hielten beide einen Moment inne. Sie sah auf mich herab, atmete schwer, und in ihren Augen lag etwas fast Ungläubiges, so, als könne auch sie nicht fassen, dass aus der Wand zwischen uns das hier geworden war.

Dann begann sie sich zu bewegen. Langsam zuerst, ein tiefes, gleichmäßiges Wiegen, ihre Hände auf meiner Brust abgestützt. Ich hielt ihre Hüften, folgte ihrem Rhythmus, und als sie schneller wurde, kippte ihr Kopf nach vorn und ihr Haar fiel wie ein Vorhang um uns beide. Sie stöhnte in mein Ohr, kleine, atemlose Laute, dieselben, die ich sonst nur gedämpft durch die Wand gehört hatte — und jetzt waren sie so nah, dass sie mir über die Haut liefen.

„Genau so hab ich mir das vorgestellt”, flüsterte sie. „Wenn ich dich nachts gehört habe. Genau so.”

Ich drehte uns, legte sie unter mich, und sie schlang die Beine um meine Hüften und zog mich tiefer. Ich stieß langsam in sie, dann schneller, und sie hielt sich an meinen Schultern fest, die Fingernägel in meiner Haut, und sagte meinen Namen, immer wieder, leiser werdend, bis er nur noch ein Atem war. Ich spürte, wie sie sich um mich zusammenzog, wie ihr ganzer Körper sich spannte, und dann kam sie, mit einem langen, bebenden Laut, der mich mitriss — ich folgte ihr Sekunden später, tief in ihr, das Gesicht in ihrem Haar vergraben.

Danach lagen wir da, verschwitzt, ineinander verschlungen, und keiner von uns sagte lange etwas. Durch das offene Fenster kam die kühle Nachtluft, und irgendwo in der Wohnung tickte eine Uhr.

„Wir müssten eigentlich lernen”, sagte Mira schließlich und lachte leise an meiner Brust.

„Wir könnten so tun als ob”, sagte ich. „Und dann wieder aufhören zu lernen.”

Sie hob den Kopf und sah mich an, und da war es wieder, dieses Lächeln, bei dem man mitlachte, ohne den Witz gehört zu haben. „Weißt du, was das Beste an einer dünnen Wand ist?”, fragte sie.

„Sag es mir.”

„Man muss nur zweimal klopfen.” Sie legte den Kopf wieder auf meine Brust. „Und ab jetzt”, murmelte sie schon halb im Schlaf, „klopfe ich jeden Abend.”

Wir bestanden beide unsere Prüfungen, ein paar Tage später, mit weniger Schlaf, als vernünftig gewesen wäre. Und die Wand zwischen unseren Zimmern war von da an das Nutzloseste in der ganzen Wohnung — denn die Studentin von nebenan schlief jetzt meistens auf meiner Seite.