Der neue Nachbar
Sexgeschichten über den Nachbarn liest man, weil jeder diese eine Wand kennt, hinter der jemand lebt, den man nur vom Flur her grüßt. Bei mir war die Wand dünn, der Nachbar neu — und was hinter meiner Tür geschah, hätte ich mir vier Wochen vorher nicht träumen lassen. Ich heiße Nadja, ich bin neunundzwanzig, und ich erzähle das hier, weil ich es immer noch kaum glauben kann.
Der Mann von nebenan
Er zog an einem Samstag ein. Ich hörte es zuerst nur — das Poltern von Kartons, das Fluchen, wenn ein Möbelstück irgendwo hängen blieb, eine tiefe Stimme, die den Umzugsleuten Anweisungen gab. Gegen Mittag stand ich mit dem Müllsack im Treppenhaus, und da war er.
Groß, dunkle Haare, verschwitztes T-Shirt, das an den Schultern klebte. Ende dreißig vielleicht. Er wischte sich die Hand an der Jeans ab, ehe er sie mir hinstreckte.
„Tobias”, sagte er. „Ich bin ab heute Ihr Problem von nebenan.”
„Nadja”, sagte ich und musste lachen. „Ich beschwer mich, wenn’s zu laut wird.”
„Machen Sie das.” Er grinste, und um seine Augen bildeten sich Falten, die ich sofort mochte. „Aber warnen Sie mich vorher, ja?”
Ich ging die Treppe hinunter und spürte seinen Blick im Rücken, bis die Haustür hinter mir zufiel. Draußen am Container merkte ich, dass ich lächelte wie eine Idiotin.
Die dünne Wand
In den Tagen danach lernte ich sein Leben durch die Wand kennen. Er stand früh auf — ich hörte die Kaffeemaschine, das Wasser, eine Stimme, die beim Duschen leise mitsang, immer falsch. Abends manchmal Musik, nie zu laut. Und einmal, spät, ein Geräusch, das mich im Bett innehalten ließ und das ich mir lieber nicht genauer ausmalte, weil mir sonst zu warm wurde.
Wir begegneten uns im Treppenhaus, häufiger, als der Zufall es erklärte. Ich fing an, den Müll rauszubringen, wenn ich ihn kommen hörte. Er fing an, an meiner Tür zu klopfen und nach Dingen zu fragen, die er ganz sicher selbst hatte — ein Schraubenzieher, ein Ei, die WLAN-Frequenz vom Router.
„Du bist ein schlechter Lügner”, sagte ich beim dritten Mal und lehnte mich an den Türrahmen. „Was willst du wirklich?”
Er sah mich an, einen langen Moment, und die Luft zwischen uns wurde dicht.
„Rausfinden, ob du auch daran denkst”, sagte er.
Ich schloss die Tür nicht. Aber ich ließ ihn auch nicht rein. Noch nicht. „Frag mich, wenn du dir sicher bist”, sagte ich leise und schob die Tür ins Schloss — langsam, damit er sah, dass es keine Absage war.
In dieser Nacht lag ich wach an der Wand, hinter der er lag, und presste die Hand zwischen meine Beine, weil der Gedanke an ihn nicht wegging.
Das Paket
Der Nachmittag, an dem es passierte, fing mit einem Paket an. Es war ein Mittwoch, ich hatte frei, ich stand in einem alten T-Shirt und Slip in der Küche, als es klopfte.
„Dein Paket war bei mir”, sagte Tobias durch die Tür. „Der Bote hat’s einfach abgegeben.”
Ich öffnete, ohne nachzudenken, und sah zu spät an mir herunter. Sein Blick wanderte einmal an mir hinab und wieder hoch, und er verzog keine Miene, aber ich sah, wie er schluckte.
„Störe ich?”
„Komm rein”, sagte ich, und meine Stimme war rauer, als ich wollte.
Er trat ein, stellte das Paket auf den Tisch, und dann standen wir da, in meiner kleinen Küche, viel zu nah beieinander. Ich roch ihn — Kaffee, ein bisschen Schweiß, etwas Warmes darunter. Er sah auf meine Lippen. Ich sah auf seine.
„Ich bin mir sicher”, sagte er.
Ich weiß nicht, wer den letzten Schritt machte. Ich glaube, wir beide. Seine Hand lag plötzlich in meinem Nacken, meine Finger krallten sich in sein Shirt, und dann küssten wir uns, als hätten wir vier Wochen genau darauf gewartet — weil wir das hatten. Sein Kuss war fordernd und gierig, seine Zunge fand meine, und ich stöhnte in seinen Mund, ehe ich es verhindern konnte.
Er drückte mich rückwärts gegen die Arbeitsplatte, die kalte Kante an meinem Rücken, sein Körper heiß an meinem vorderen. Seine Hand schob sich unter mein T-Shirt, rau und warm, hinauf zu meiner Brust, und als er über die harte Spitze strich, zuckte ich zusammen und hörte mich selbst keuchen.
„Die ganze Zeit”, murmelte er an meinem Hals, „hab ich mir vorgestellt, wie du klingst.”
„Und?”, brachte ich heraus.
„Besser.” Er biss mir sanft in den Hals. „Viel besser.”
Kein Zurück mehr
Er zog mir das T-Shirt über den Kopf, und ich ließ ihn. Seine Augen wurden dunkel, als er mich ansah, und diese Art, angeschaut zu werden, ließ mich feuchter werden, als jede Berührung es gekonnt hätte. Ich zerrte an seinem Shirt, ungeduldig, und er half mir, und dann war seine Haut an meiner, sein Herz schlug schnell unter meiner Hand.
Er hob mich auf die Arbeitsplatte, als wöge ich nichts, trat zwischen meine Knie und küsste sich meinen Hals hinunter, über mein Schlüsselbein, zu meiner Brust. Seine Zunge kreiste, seine Zähne kratzten sanft, und ich vergrub die Finger in seinen Haaren und ließ den Kopf zurückfallen.
„Warte”, flüsterte er, kniete sich vor mir hin und zog mir den Slip von den Hüften. Er sah kurz zu mir hoch, ein Blick wie eine Frage, und ich nickte, atemlos. Dann senkte er den Kopf.
Beim ersten Kontakt seiner Zunge stieß ich einen Laut aus, der viel zu laut war für diese dünne Wand — und mir war es egal. Er nahm sich Zeit, leckte langsam, lauschte auf jedes Geräusch, das ich machte, und passte sich an. Als er merkte, was mich höher trieb, blieb er dabei, unerbittlich, seine Hände fest auf meinen Schenkeln, die er auseinanderhielt. Meine Fersen drückten in seinen Rücken, meine Hüften kamen ihm entgegen, und die Spannung baute sich auf, unaufhaltsam, bis sie zu viel wurde.
„Tobias — ich —”
Ich kam an seinem Mund, laut, die eine Hand über meinen eigenen Lippen, die andere in seinem Haar, und er ließ mich nicht los, bis die letzte Welle verebbt war.
Er stand auf, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und küsste mich, und ich schmeckte mich selbst auf seinen Lippen. Meine Finger fanden seinen Gürtel, öffneten den Knopf, den Reißverschluss, und als ich ihn in die Hand nahm, hart und heiß, stöhnte er tief in meinen Mund.
„Nicht hier”, flüsterte ich. „Komm.”
Ich zog ihn ins Schlafzimmer, an der Wand entlang, hinter der wir uns beide so viele Nächte belauscht hatten. Er drückte mich aufs Bett und kniete über mir, sah einen Moment lang nur auf mich herab, als wollte er sich das Bild merken.
„Bist du sicher?”, fragte er noch einmal, leiser jetzt.
„Frag mich das nicht mehr”, sagte ich und zog ihn zu mir herunter.
Bis zum Morgen
Er nahm sich ein Kondom aus der Jeans, die halb schon auf dem Boden lag, und ich sah ihm zu, wie er es überstreifte. Dann schob er sich zwischen meine Beine, langsam, und stieß beim ersten Mal nur ein Stück in mich, ließ mich spüren, wie sehr ich ihn wollte, ehe er ganz eindrang.
Ich zog scharf die Luft ein. Er hielt inne, die Stirn an meiner, sein Atem heiß auf meiner Wange.
„Alles gut?”, flüsterte er.
„Beweg dich”, war alles, was ich herausbrachte.
Und das tat er. Erst langsam, tief, jeder Stoß ein Versprechen, dann schneller, härter, als ich meine Beine um seine Hüften schlang und ihn mit den Fersen in mich trieb. Das Bett schlug gegen die Wand, im gleichen Rhythmus, und der Gedanke, dass jetzt kein Belauschen mehr nötig war, dass wir das hier gemeinsam machten, laut und ohne Scham, jagte mich noch höher.
„Sag’s noch mal”, keuchte er an meinem Ohr. „Meinen Namen.”
„Tobias”, stöhnte ich, und er stieß tiefer, als hätte das Wort ihn getroffen.
Wir drehten uns irgendwann, und ich saß auf ihm, gab das Tempo vor, seine Hände auf meinen Hüften, sein Blick auf mir, während ich mich bewegte. Er sah mich an, als sei ich das Einzige im Raum, im Haus, auf der Welt. Als die zweite Welle kam, warf ich den Kopf zurück und ließ sie über mich rollen, und er folgte mir Sekunden später, die Finger fest in meine Hüften gekrallt, mein Name gepresst zwischen seinen Zähnen.
Danach lagen wir da, verschwitzt, atemlos, und lachten beide leise, ungläubig.
„Vier Wochen”, sagte er und zog mich an seine Brust. „Ich hätte früher klopfen sollen.”
„Du hast ständig geklopft”, sagte ich. „Mit deinen blöden Eiern und Schraubenziehern.”
Er lachte, tief in der Brust, und ich spürte es an meiner Wange.
Er ging nicht mehr rüber an diesem Abend. Wir bestellten Pizza, aßen sie halb nackt im Bett, und irgendwann in der Nacht weckte er mich mit seinem Mund an meinem Nacken, und wir fingen von vorne an, langsamer diesmal, verschlafen und zärtlich. Am Morgen war die dünne Wand zwischen unseren Wohnungen zum ersten Mal völlig egal geworden — denn er war auf meiner Seite.
Ob er je wieder in seine eigene Wohnung zieht, weiß ich bis heute nicht. Der Schraubenzieher jedenfalls liegt inzwischen bei mir in der Schublade. Und wenn es klopft, weiß ich, wer davorsteht.
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