Im Darkroom
Die meisten gay Sexgeschichten, die ich kenne, spielen im Licht — in Betten, in Wohnungen, unter dem Blick zweier Augenpaare, die sich kennen. Meine spielt im Dunkeln. So dunkel, dass ich das Gesicht des Mannes nie gesehen habe, der mich an jenem Abend fester und ehrlicher genommen hat als jeder, den ich beim Namen kannte. Ich habe ihn nur gehört. Nur gerochen. Nur gefühlt. Und genau deshalb vergesse ich ihn nicht.
Ich heiße Jonas, ich bin dreißig, und das hier ist die Nacht, in der ich zum ersten Mal in einen Darkroom ging — und was danach passierte.
Der Vorhang aus schwarzem Samt
Es war ein Freitag im November, und ich war seit einer Woche wieder Single. Nicht traurig, eher leer, so wie man leer ist, wenn eine Beziehung ausläuft statt zerbricht. Ein Kumpel hatte mich in einen Club in Kreuzberg geschleppt, tiefe Bässe, warmer Schweiß in der Luft, Männer überall — und irgendwann stand ich allein an der Bar und starrte auf diesen Vorhang aus schwarzem Samt am Ende des Gangs, hinter dem es kein Licht mehr gab.
Ich hatte nie den Mut gehabt. Ich war der Typ, der Nummern austauschte, der nach Hause fuhr, der es ordentlich mochte. Aber an diesem Abend spürte ich etwas anderes in mir kribbeln — die Lust, einmal niemand zu sein. Kein Name, kein Profil, kein Gesicht. Nur ein Körper, der einen anderen Körper will.
Ich trank mein Bier aus, und bevor der Kopf mich zurückhalten konnte, gingen meine Beine schon. Der Vorhang war schwerer, als ich dachte. Dann schluckte mich das Dunkel.
Im Dunkeln beginnt alles von vorne
Drinnen war es nicht ganz schwarz — es gab dieses tiefe, körnige Nichts, in dem die Augen nach Minuten schemenhaft Umrisse erahnen, ohne je etwas wirklich zu sehen. Ich hörte Atem. Das feuchte Geräusch von Mündern. Das Rascheln von Stoff, das dumpfe Anschlagen einer Schnalle gegen eine Wand. Der Raum roch nach Männern, nach Poppers und Latex und dem salzigen, animalischen Geruch von Haut, die will.
Ich blieb an der Wand stehen, das Herz in der Kehle, und ließ mich an den kühlen Beton lehnen. Ich wusste nicht, wie das hier geht. Ob man jemanden anspricht. Ob man wartet.
Dann berührte mich eine Hand.
Sie legte sich flach auf meine Brust, über das T-Shirt, und blieb dort liegen. Fragend. Keine Gier, keine Eile — nur eine Frage, gestellt mit fünf warmen Fingern. Ich hätte weggehen können. Stattdessen legte ich meine Hand auf seine und drückte sie fester gegen mich. Ja.
„Zum ersten Mal hier?” Die Stimme war tief, ruhig, ganz nah an meinem Ohr. Ein leichter Akzent, den ich nicht einordnen konnte, warmer Atem an meinem Hals.
„So sieht man das?”, flüsterte ich zurück.
„Man hört es.” Ich spürte sein Lächeln mehr, als dass ich es sah. „Du atmest, als würdest du gleich weglaufen. Willst du?”
„Nein”, sagte ich, und es war die Wahrheit.
Zwei Fremde, nur Hände
Seine Hand wanderte unter mein Shirt. Handflächen, rau an den Kanten, ein Handwerker vielleicht, schoben sich über meinen Bauch, meine Rippen, fanden meine Brustwarze und drehten sie gerade so weit, dass mir ein Laut entwischte. Ich hörte, wie er die Luft einzog, als hätte ihn mein Stöhnen ebenso getroffen wie mich seine Berührung.
Ich griff nach ihm zurück. Er war größer als ich, breiter, ich ertastete einen kurzen Bart, einen kräftigen Nacken, Schultern, die sich unter meinen Fingern spannten. Ein Brustkorb, dicht behaart, unter dem ich sein Herz schlagen fühlte — schnell, viel schneller, als seine Stimme klingen ließ. Das war das Erregendste: dass dieser ruhige Mann genauso zitterte wie ich.
Er zog mein Shirt über den Kopf, und die kühle Luft auf meiner nackten Haut ließ mich erschauern. Dann presste er mich gegen die Wand, und sein Mund fand meinen. Der Kuss war nicht zärtlich. Er war hungrig, tief, ein Zunge-an-Zunge-Ringen, bei dem er mich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen den Beton drückte, sodass ich seine Erregung an meinem Oberschenkel spürte, hart durch den Stoff seiner Jeans.
„Fuck”, murmelte ich gegen seine Lippen.
„Noch nichts”, raunte er. „Wir fangen gerade erst an.”
Seine Hände öffneten meinen Gürtel. Langsam, mit einer Geduld, die mich fast um den Verstand brachte, schob er meine Hose über meine Hüften. Als seine Finger mich endlich umschlossen, warm und fest, biss ich die Zähne zusammen, um nicht zu laut zu werden. Er merkte es.
„Nein”, flüsterte er und griff fester. „Lass es raus. Hier hört dir keiner zu, der dich kennt. Hier bist du niemand. Sei einfach laut.”
Und ich war laut.
Er kannte meinen Körper besser als ich
Er drehte mich um. Meine Handflächen fanden den kalten Beton, und ich spürte ihn hinter mir, seinen Atem zwischen meinen Schulterblättern, seine Lippen, die sich meine Wirbelsäule hinunterküssten. Er ging in die Knie. Ich hörte das Reißen einer Folie, spürte kühles Gleitgel, seine Finger, die mich vorbereiteten — geduldig, so verdammt geduldig, dass ich mich ihm entgegenschob und ihn stumm bat.
„Sag es”, flüsterte er von unten. „Ich sehe dein Gesicht nicht. Ich will es hören.”
„Ich will dich”, presste ich hervor. „Jetzt. Bitte.”
Er stand auf. Ich hörte das Rascheln des Kondoms, spürte, wie er sich an mich schmiegte, eine Hand fest an meiner Hüfte, die andere flach auf meiner Brust, die mich an ihn zog. Und dann drang er in mich ein, langsam, kontrolliert, Millimeter für Millimeter, bis ich ihn ganz in mir hatte und ein Laut aus mir herausbrach, den ich noch nie von mir gehört hatte.
Er hielt inne, ließ mich atmen. „Alles gut?”, flüsterte er, und diese Sorge, mitten im Dunkeln, von einem Mann ohne Gesicht, traf mich mehr als alles andere.
„Mehr”, sagte ich nur.
Er begann sich zu bewegen. Erst langsam, dann tiefer, ein Rhythmus, der mich Stoß für Stoß gegen die Wand trieb. Seine Hand wanderte von meiner Brust nach unten und umschloss mich wieder, im Takt seiner Hüften, sodass ich zwischen zwei Empfindungen gefangen war, ohne Ausweg, ohne Luft. Ich hörte sein Stöhnen an meinem Ohr, sein „So gut, du fühlst dich so gut an”, spürte seinen Bart an meinem Nacken, den Schweiß, der zwischen unseren Körpern klebte.
Um uns herum war der Raum lebendig — Atem, Stöhnen, das Schlagen von Fleisch gegen Fleisch aus der Dunkelheit —, aber ich hörte nur ihn. Nur diese Stimme, die mir ins Ohr sagte, was sie mit mir tat, wie ich mich anfühlte, wie sehr ich sie erregte. Niemand hatte je so mit mir gesprochen. Niemand hatte mich je so genommen — als wäre ich das Einzige im ganzen dunklen Raum, das zählte.
Ich kam mit einem Aufschrei, den ich nicht mehr zurückhielt, zitternd, die Stirn gegen den Beton gepresst, seine Hand um mich, sein Mund an meiner Schulter. Und als ich mich um ihn zusammenzog, folgte er mir Sekunden später, tief in mir, ein rauer, langer Laut, sein Körper bebend an meinem Rücken, seine Arme um mich geschlungen, als wollte er mich halten, nicht loslassen.
Wir standen einen Moment so da, verschwitzt, ineinander, atmend. Dann küsste er meinen Nacken, einmal, sanft. „Danke”, flüsterte er. Und ehe ich etwas sagen konnte, war die Wärme hinter mir weg, und ich hörte den Vorhang, der sich für einen Atemzug öffnete und wieder schloss.
Ich hatte sein Gesicht nie gesehen.
Sechs Wochen und ein Tresen später
Ich dachte an ihn. Öfter, als ich zugeben wollte. In den Wochen danach ertappte ich mich dabei, wie ich mir sein Gesicht ausmalte, obwohl ich wusste, dass ich es nie erkennen würde, selbst wenn er vor mir stünde. Es war albern. Es war ein Fremder im Dunkeln. Und trotzdem.
Anfang Januar war ich in einer Bar in Neukölln, unaufgeregt, mit demselben Kumpel, ein Feierabendbier in der Hand. Der Laden war voll, ich stand am Tresen und wartete, und neben mich schob sich ein Mann, um zu bestellen. Groß, breite Schultern, kurzer Bart. Ich beachtete ihn kaum.
Dann sagte er, ohne mich anzusehen, halb zum Barkeeper, halb in den Raum: „Ein Bier, bitte.”
Und mein ganzer Körper wusste es, bevor mein Kopf hinterherkam. Diese Stimme. Tief, ruhig, dieser Akzent, den ich sechs Wochen lang nicht hatte einordnen können. Mir stockte der Atem.
Er drehte sich zu mir. Sah mich an — im Licht zum ersten Mal, warme braune Augen, ein Lächeln, das sich langsam in seinen Bart schob. Und ich sah, wie ihm dasselbe passierte, wie er stutzte, wie sein Blick kurz an mir hängen blieb, unsicher, forschend.
„Du atmest”, sagte er leise, sodass nur ich es hören konnte, „als würdest du gleich weglaufen.”
Mir wurde heiß und kalt zugleich. „Man hört das?”, flüsterte ich.
Sein Lächeln wurde breiter. „Man hört es.” Er streckte die Hand aus. „Elias.”
Ich legte meine Hand in seine. Dieselbe Hand, rau an den Kanten, warm, die mich im Dunkeln gefunden hatte, als ich niemand sein wollte. „Jonas”, sagte ich.
„Jonas.” Er sprach meinen Namen aus, als würde er ihn schmecken, als hätte ihm im Dunkeln genau das gefehlt. „Weißt du, was komisch ist?”, sagte er und beugte sich näher, sein Mund wieder an meinem Ohr, so wie damals. „Ich habe dein Gesicht sechs Wochen lang gesucht. In jeder Bar. Und jetzt stehst du einfach da.”
Ich lachte, atemlos, ungläubig. „Du hättest mich nie erkannt.”
„Nein”, sagte er. „Aber deine Stimme schon. Beim ersten Wort.” Er trat einen Schritt näher, und diesmal war Licht, diesmal sah ich alles — seine Augen, seinen Mund, die Art, wie er mich ansah. „Trinkst du das Bier mit mir? Und danach”, er senkte die Stimme, „zeigst du mir mal dein Gesicht, während ich dich zum Stöhnen bringe. Bei Licht.”
Ich musste nicht lange überlegen. Manche gay Sexgeschichten fangen im Dunkeln an — und die besten hören dort nicht auf. Ich nahm mein Bier, stieß mit ihm an und ließ mich zum ersten Mal von einem Mann anschauen, den ich schon längst kannte.